Cloud & Hosting

Raus aus der Cloud — zurück in den eigenen Keller? Die Rechnung geht selten auf

37signals löscht diesen Sommer sein AWS-Konto und spart Millionen. Warum der Weg zurück in den eigenen Serverraum für den Mittelstand trotzdem meist die falsche Lehre ist.

Peter Wenzel
Consultant & Mitgründer
16. Juni 2026
6 Min. Lesezeit
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Kurz gesagt: Diesen Sommer löscht 37signals, die Firma hinter Basecamp, sein AWS-Konto endgültig — und spart über fünf Jahre rund sieben Millionen Dollar. Die Geschichte macht gerade in jeder IT-Leiter-Runde die Runde. Bevor Sie sie nachmachen: Für die meisten Mittelständler ist der Weg zurück in den eigenen Serverraum die falsche Lehre aus einer völlig richtigen Beobachtung.

Letzten Dienstag rief mich ein Geschäftsführer aus Osnabrück an. Metallverarbeitung, 70 Leute. Er hatte am Wochenende einen Artikel über Firmen gelesen, die der Cloud den Rücken kehren, und war elektrisiert: „Wir holen unsere Server wieder ins Haus, das spart doch ein Vermögen."

Ich habe ihn gebremst. Nicht weil die Beobachtung falsch wäre — sie stimmt. Sondern weil die Schlussfolgerung für einen 70-Mann-Betrieb fast immer in die falsche Richtung zeigt. Wir haben dann zwei Stunden gerechnet. Am Ende blieb er in der Cloud. Nur nicht mehr in derselben.

Was bei 37signals wirklich passiert ist

Das Beispiel, das gerade alle zitieren, ist echt und sauber dokumentiert. 37signals gab 2022 rund 3,2 Millionen Dollar für Cloud-Dienste aus. Den Gründern wurde das zu teuer, also kauften sie eigene Hardware.

Für 700.000 Dollar Dell-Server fiel die AWS-Rechnung um etwa zwei Millionen Dollar im Jahr. Im zweiten Schritt ersetzten sie acht Petabyte S3-Speicher durch eigene Storage-Systeme für 1,5 Millionen Dollar Anschaffung — Betriebskosten danach unter 200.000 Dollar im Jahr. Über fünf Jahre rechnet die Firma mit sieben Millionen Dollar Ersparnis, das AWS-Konto wird diesen Sommer endgültig gelöscht.

Das ist kein Marketing. Den Rechenweg hat der Mitgründer öffentlich gemacht. Und 37signals ist kein Einzelfall: Laut einer von IDC und Flexera gestützten Auswertung haben über 70 Prozent der Unternehmen bereits einzelne Workloads aus der Public Cloud zurückgeholt, und 27 Prozent der Cloud-Ausgaben gelten schlicht als verschwendet.

Bei konstanter, vorhersehbarer Last zahlen Sie in der Public Cloud oft das Drei- bis Fünffache dessen, was eigene Hardware kostet. Das ist keine Verschwörung, das ist das Geschäftsmodell.

Warum die Zahl trügt, sobald man sie auf den Mittelstand überträgt

Jetzt kommt der Teil, den die begeisterten Artikel gern weglassen. 37signals ist eine Software-Firma mit eigenen Infrastruktur-Spezialisten, acht Petabyte Daten und einer Last, die rund um die Uhr gleichmäßig läuft. Ihr 70-Mann-Metallbetrieb hat nichts davon.

Der eigene Keller holt Risiken zurück, die Sie gerade losgeworden sind

Ein Server im Haus heißt: Sie sind wieder für alles selbst zuständig. Stromausfall, defekte Festplatte, das Klimagerät im Serverraum, das an einem Freitag im August aussteigt. Vor allem aber: Ransomware.

Ein Server, der im eigenen Netz hängt und von jedem Arbeitsplatz erreichbar ist, ist genau das Ziel, das Angreifer suchen. Wie wenig ein DMS allein dagegen ausrichtet, haben wir an anderer Stelle beschrieben. Der Unterschied: In einem deutschen Rechenzentrum kümmert sich jemand hauptberuflich um Snapshots, Brandschutz und Redundanz. In Ihrem Keller sind Sie das — neben dem Tagesgeschäft.

Rechnen Sie ehrlich, nicht nur die Hardware

Die 700.000 Dollar für Dell-Server sind die sichtbare Zahl. Die unsichtbaren stehen daneben: ein Migrationsprojekt über sechs bis achtzehn Monate, laufende Wartung, und vor allem Personal. 37signals hatte sein Ops-Team längst. Sie müssten es einstellen — und Administratoren mit Rechenzentrums-Erfahrung sind 2026 weder billig noch leicht zu finden.

Was ich in über hundert Projekten gelernt habe, gilt auch hier: Der teuerste Teil ist nie die Hardware. Es sind die Folgekosten der Prozesse drumherum.

Die Frage ist nicht Cloud oder keine Cloud. Die Frage ist: wessen Cloud, zu welchem Preis — und wer haftet, wenn am Freitagabend der Strom ausfällt.

Der dritte Weg, den die Debatte gern übergeht

Hier steckt der Denkfehler. Die Diskussion tut so, als gäbe es nur zwei Optionen: US-Hyperscaler oder eigener Keller. Das ist Unsinn. Zwischen Amazon und dem Heizungskeller liegt ein ganzer Markt deutscher und europäischer Anbieter.

Ein gemanagter Server bei einem Anbieter wie Hetzner in Falkenstein oder Nürnberg kostet einen Bruchteil eines vergleichbaren AWS-Setups — und Sie sparen sich trotzdem das eigene Rechenzentrum. Hardware-Redundanz, Brandschutz, Netzanbindung: alles dabei. Was Sie zurückbekommen, ist die Kostenkontrolle, ohne die Risiken der Eigenbetrieb-Romantik.

Für ein DMS ist das die entscheidende Frage: Wo liegen Ihre Dokumente physisch? Aktenplatz hostet ausschließlich in deutschen Rechenzentren — warum wir uns gegen die Hyperscaler entschieden haben und wie wir hosten, erklären wir lieber einmal zu ausführlich.

Ein Wort der Vorsicht: „Rechenzentrum in Frankfurt" heißt noch nicht „souverän". Microsoft und AWS betreiben EU-Regionen, unterliegen als US-Konzerne aber weiter dem CLOUD Act. Das Stichwort dafür heißt Sovereignty-Washing — und warum der Serverstandort allein nichts über die Rechtslage sagt, haben wir hier auseinandergenommen.

Was sich im Januar 2027 ändert — und den Wechsel erleichtert

Es gibt einen konkreten Grund, warum der Wechsel ab nächstem Jahr leichter wird. Der EU Data Act verbietet ab dem 12. Januar 2027 die sogenannten Egress-Gebühren vollständig.

Das sind die Wechselgebühren, mit denen Hyperscaler bisher das Heraustragen der eigenen Daten verteuert haben — bei größeren Datenmengen schnell ein vierstelliger Betrag. Diese ökonomische Wechselhürde fällt weg. Wer mit dem Gedanken spielt, den Anbieter zu wechseln, hat ab 2027 ein juristisches Argument auf seiner Seite — und einen Grund weniger, im Vendor-Lock-in sitzenzubleiben.

Was ich Mittelständlern rate

Aus den Gesprächen der letzten Wochen — und ja, das Thema kommt gerade in fast jedem vor — hat sich diese Reihenfolge bewährt:

  1. Erst messen, dann umziehen. Was kostet Ihre Cloud heute wirklich, Posten für Posten? Die meisten kennen die Summe, nicht die Treiber.
  2. Nicht alles ist gleich. Konstante Last und sensible Daten gehören aus der teuren Public Cloud heraus. Saisonale Spitzen dürfen ruhig dort bleiben.
  3. Den eigenen Keller nur, wenn Sie das Personal haben. Ohne Admin mit Rechenzentrums-Erfahrung wird der vermeintliche Spareffekt zum Klotz am Bein.
  4. Den deutschen Mittelweg prüfen. Gemanagtes Hosting bei einem europäischen Anbieter bringt Kostenkontrolle und Souveränität, ohne dass Sie zum Rechenzentrumsbetreiber werden.
  5. Beim Serverstandort genau hinsehen. Die EU-Region eines US-Konzerns ist nicht dasselbe wie ein deutscher Anbieter ohne US-Mutter.
  6. 2027 einplanen. Wenn ein Wechsel ansteht, kann es sich lohnen, ihn hinter den Wegfall der Egress-Gebühren zu legen.
  7. Klein anfangen. Ein System, ein Workload, ein Testlauf. Niemand muss seine ganze IT an einem Wochenende umziehen.

Wenn Sie ohnehin vergleichen, lohnt der Blick darauf, wie sich die Anbieter unterscheiden — nicht nur im Preis, sondern in der Frage, wer am Ende Zugriff auf Ihre Daten hat.

Fazit

Die Beobachtung hinter dem Hype ist richtig: Die Public Cloud ist für gleichmäßige Last oft erstaunlich teuer, und viele Betriebe zahlen für eine Flexibilität, die sie nie nutzen. Aber die Lehre daraus ist nicht „zurück in den Keller".

Für den Mittelstand heißt die ehrliche Antwort fast immer: raus aus der überteuerten Hyperscaler-Cloud, aber nicht zurück in den Eigenbetrieb mit all seinen Risiken — sondern auf einen gemanagten Server bei einem Anbieter, dessen Rechtslage Sie kennen.

Wenn Sie wissen wollen, was Ihr Dokumentenmanagement heute an Cloud-Kosten verursacht und wo Ihre Akten eigentlich liegen, rechnen wir das in einem Erstgespräch ohne Verkaufsdruck durch — sprechen Sie uns an.

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