Remote Work

Zwei Tage pro Woche fällt der Zuruf über den Flur aus

24,9 Prozent Homeoffice in der Gesamtwirtschaft, seit Jahren unverändert: Hybrid ist Grundlast, kein Übergang. Warum das keine Homeoffice-Frage ist, sondern eine Ablage-Frage.

Sascha Ladewig
Geschäftsführer & Gründer
27. September 2026
6 Min. Lesezeit
Error loading image

Kurz gesagt: Der Homeoffice-Anteil in Deutschland liegt bei 24,9 Prozent und bewegt sich seit Jahren nicht. Hybrid ist kein Übergang mehr, sondern Grundlast. Und was dabei auffliegt, ist fast nie die Technik — es ist eine Ablage, die nur funktionierte, solange alle im Haus waren.

Der Satz, der mir seit August nicht aus dem Kopf geht

Im August saß ich bei einem Zulieferer im Raum Hameln. 90 Mitarbeiter, Zerspanung, gute Auftragslage. Die Assistentin der Geschäftsführung erklärte mir ihre Ablage, und mittendrin sagte sie einen Satz, den ich seitdem in fast jedem Erstgespräch zitiere:

„Montags und freitags dauert alles doppelt so lang, weil ich niemanden fragen kann."

Montags und freitags ist dort das Büro halb leer. Nicht wegen einer Anordnung von oben, sondern weil zwei Kolleginnen an diesen Tagen von zu Hause arbeiten und der Vertrieb unterwegs ist.

Ihre Ablage war nicht kaputt. Sie war nur nie aufgeschrieben. Sie lief über Zurufe.

24,9 Prozent — und seit Jahren keine Bewegung

Am 7. September hat das ifo Institut die aktuellen Zahlen seiner Konjunkturumfrage veröffentlicht. Im August arbeiteten 24,9 Prozent der Beschäftigten in der Gesamtwirtschaft zumindest teilweise im Homeoffice. Die Spreizung nach Branchen ist groß:

  • Dienstleistungssektor: 35,1 Prozent
  • Großhandel: 17,7 Prozent
  • Industrie: 16,4 Prozent
  • Einzelhandel: 6,2 Prozent
  • Baugewerbe: 5,1 Prozent

Entscheidend ist aber nicht die Höhe, sondern die Bewegungslosigkeit. ifo-Forscher Jean Victor Alipour dazu: „Seit Jahren sehen wir keine nennenswerten Veränderungen im Homeoffice-Anteil – weder insgesamt noch in den Branchen."

Warum diese Zahl für Ihre Ablage wichtiger ist als jede RTO-Debatte

Solange Homeoffice als Ausnahmezustand galt, konnte man Ablageprobleme aussitzen. Zwei Wochen Corona-Notbetrieb übersteht jede Dateifreigabe, auch eine schlechte.

Ein Viertel der Belegschaft ist kein Ausnahmezustand. Das ist Normalbetrieb.

Die Rückkehr-ins-Büro-Diskussion halte ich deshalb für weitgehend an der Sache vorbei. Sie ist rechtlich heikler, als viele Geschäftsführer annehmen — das Weisungsrecht aus § 106 GewO heißt nicht „weil ich es sage", wie das Düsseldorfer Urteil zur Rückkehranordnung gezeigt hat. Vor allem aber löst sie nichts. Wer alle zurückholt, hat die gleiche Ablage — nur mit mehr Parkplatzbedarf.

Der Zuruf ist ein Kompensationsmechanismus

In einem vollbesetzten Büro merken Sie nie, wie schlecht Ihre Struktur ist. Jeder Suchvorgang, der scheitert, wird durch eine Frage über zwei Schreibtische hinweg abgefangen. Vier Sekunden, Problem gelöst, niemand schreibt es auf.

Genau diese vier Sekunden fehlen an zwei Tagen der Woche. Dann wird aus der Frage eine Teams-Nachricht, aus der Nachricht ein Rückruf, aus dem Rückruf ein Termin am nächsten Vormittag.

In Präsenz kostet eine schlechte Ablage Minuten. In hybriden Teams kostet sie Termine.

Die Rückfrage-Ökonomie in Zahlen

Atlassian hat für die Studie „State of Teams" 12.000 Büroangestellte in sechs Ländern und 200 Führungskräfte befragt. Die deutschen Ergebnisse hat heise zusammengefasst, und sie sind unangenehm konkret:

  • knapp 10 Stunden pro Woche gehen für die Suche nach Informationen drauf, rund ein Viertel der Arbeitszeit
  • 61 Prozent bekommen Informationen erst auf direkte Nachfrage oder im Meeting
  • 48 Prozent können nicht weiterarbeiten, weil Informationen aus anderen Teams fehlen
  • 43 Prozent wissen nicht, woran andere gerade arbeiten
  • fast sechs Projekte im Jahr laufen doppelt, weil eine andere Abteilung an etwas Ähnlichem saß

Ein Vorbehalt gehört dazu: Atlassian verkauft Software gegen genau dieses Problem. Die Zahlen sind kein neutrales Messergebnis, sondern Marketing mit Methode. Die Größenordnung deckt sich trotzdem mit dem, was ich in Projekten sehe. Und 61 Prozent „nur auf Nachfrage" beschreibt exakt die Kollegin aus Hameln.

Die Empfehlung der Studie ist dann wieder die übliche: KI-gestützte Suche. Ich halte das für die falsche Reihenfolge. Eine Suche, die über verstreute Netzlaufwerke, Postfächer und drei Generationen Ordnerstruktur läuft, liefert schneller unvollständige Antworten. Mehr nicht.

Woran es im Maschinenraum hängt

Wenn ich bei hybriden Teams in die Ablage schaue, finde ich fast immer dieselben sieben Stellen:

  1. Dokumente im persönlichen Postfach. Der Anhang ist da, aber nur bei einer Person. Urlaub gleich Stillstand.
  2. Der Desktop als Zwischenlager. „angebot_final_v3_neu.docx" liegt auf einem Rechner, der freitags aus ist.
  3. Struktur nach Personen statt nach Sachen. Ordner „Frau K.", Ordner „Herr M." — funktioniert, solange Frau K. erreichbar ist. Ein Aktenplan sortiert nach Vorgang, nicht nach Zuständigkeit.
  4. Rechte, die niemand mehr erklären kann. Wer nicht weiß, ob er darf, fragt lieber. Das erzeugt genau die Rückfragen, die hybrid teuer werden.
  5. Externe per Mailanhang. Steuerberater, Anwalt, Prüfer, Kunde. Jeder Austausch erzeugt eine neue Kopie an einem neuen Ort — ein Portal für Externe räumt das in einem Schritt auf.
  6. Scan-Stationen mit hausinternem Ziel. Der Multifunktionsdrucker legt brav auf einem Share ab, der von außen nicht erreichbar ist. Die Post von Montag sieht das Homeoffice am Mittwoch.
  7. Der eine Ordner, den nur eine Person versteht. Meist der wichtigste.

Keiner dieser Punkte ist ein Homeoffice-Problem. Sie fallen im Homeoffice nur auf.

Der teuerste Reflex: die lokale Kopie

Wenn der Zugriff von außen hakt, hilft sich jedes Team selbst. Man zieht sich die Unterlagen vor dem Wochenende auf den Laptop.

Damit wandert das Original in eine Schattenversion, und der Datenschutz wandert mit. Art. 32 DSGVO verlangt Verfügbarkeit und Vertraulichkeit — beides ist bei einer Kopie im Downloads-Ordner eines privat mitgenutzten Notebooks schwer zu behaupten. Wie weit das trägt, sobald die Arbeit ins Ausland wandert, haben wir im Beitrag zur Workation durchgerechnet.

Womit ich anfangen würde

Nicht mit einem Projekt. Mit einer Woche Beobachtung.

  • Rückfragen zählen. Eine Woche lang notiert jeder im Team, wie oft er jemanden nach einem Dokument fragen musste. Zwei Striche auf einem Zettel. Das Ergebnis ist meist ernüchternder als jede Studie.
  • Die Montags-Probe. Nehmen Sie die fünf Vorgänge, die montags anfallen, und prüfen Sie: Käme ein neuer Kollege ohne Rückfrage dran? Ohne VPN-Zauberei, ohne „ruf mal die Claudia an"?
  • Eine Struktur festlegen, nicht sieben. Ablage nach Vorgang und Frist, nicht nach Person und Gewohnheit. Das ist die eigentliche Arbeit und dauert in der Regel zwei bis drei Workshops.
  • Den Posteingang zuerst digitalisieren. Wer die Post am Eingang scannt und zuordnet, nimmt den größten Teil der Montags-Rückfragen aus dem System.
  • Externe aus dem Mailverkehr holen. Ein Portal mit Zugriff statt Anhängen spart auf beiden Seiten Ablagearbeit.

Was die Rückfragen wirklich kosten, lässt sich grob schätzen — wir haben dazu eine Gegenrechnung zusammengestellt, die Suchzeit, Rückfragen und Einarbeitung gegeneinanderstellt.

Fazit

Nach Bitkom-Zahlen arbeiten inzwischen 15 Prozent der deutschen Unternehmen vollständig papierlos, fast doppelt so viele wie zwei Jahre zuvor. Die Zahl klingt gut. Sie sagt aber nichts darüber, ob die Dateien auffindbar sind — papierlos und geordnet sind zwei verschiedene Dinge.

Der Zulieferer in Hameln hat mitgezählt. 34 Rückfragen in einer Woche bei vier Personen, 29 davon betrafen Dokumente, die es längst gab. Das war das überzeugendste Argument im ganzen Projekt, und es kam nicht von mir.

Hybrid bleibt. Die Zahlen des ifo bewegen sich seit Jahren nicht, und sie werden es auch 2027 nicht tun. Die Frage ist nur, ob Ihre Ablage das schon weiß.

Wenn Sie wissen wollen, an welchen zwei oder drei Stellen Ihre Montags-Rückfragen entstehen: Dafür genügt meist ein kurzes Gespräch. Die Struktur festlegen müssen Sie danach selbst — aber dann wissen Sie wenigstens, wofür.

Tags:

Hybrides ArbeitenRemote WorkInformationssilosDokumentenablageifo Konjunkturumfrage

Weitere Artikel