Kurz gesagt: Windows bleibt eine vollwertige Plattform, Aktenplatz läuft auf 10 und 11. Aber am 13. Oktober endet Office 2021 endgültig, und die kostenlosen Windows-10-Updates im EWR gelten nur für Privatgeräte. Firmen zahlen — oder haben ein Problem.
Ein Anruf aus Bielefeld, letzten Dienstag
Letzten Dienstag rief mich der IT-Verantwortliche eines Maschinenbauers bei Bielefeld an, 70 Mitarbeiter. Er hatte gelesen, Microsoft habe die kostenlosen Windows-10-Updates in Europa bis Oktober 2027 verlängert. Seine Frage: „Dann können wir den Rollout doch schieben, oder?"
Nein. Kann er nicht.
Die Verlängerung, über die er gelesen hatte, gilt für Verbrauchergeräte im EWR. Microsoft hat die Bedingungen für Privatkunden in Europa im Sommer 2026 noch einmal entschärft — einmal alle 60 Tage mit einem Microsoft-Konto anmelden, dann kommen die Updates. Für einen Rechner in der Domäne, lizenziert über Volumenvertrag, greift das nicht.
Vier Termine, die nicht dasselbe bedeuten
| Produkt | Support-Ende | ESU möglich? |
|---|---|---|
| Windows 10, Privatgerät im EWR | 13.10.2026, verlängert bis 12.10.2027 | kostenlos, mit Microsoft-Konto |
| Windows 10, Firmengerät (Volumenlizenz) | 14.10.2025 | ja, kostenpflichtig |
| Office 2021 und Office LTSC 2021 | 13.10.2026 | nein |
| Microsoft 365 Apps auf Windows 10 | 10.10.2028 | entfällt |
Zeile zwei ist die, die im Mittelstand zählt. Für gewerbliche Kunden ist ESU ein Abonnement, und der Preis ist absichtlich unangenehm gebaut: 61 US-Dollar pro Gerät im ersten Jahr, 122 im zweiten, 244 im dritten. Über drei Jahre 427 Dollar, pro Rechner.
Der Teil, der in Planungen gern untergeht: Man kann kein Jahr überspringen. Wer erst 2027 einsteigt, zahlt das erste Jahr rückwirkend mit. Bei 40 Arbeitsplätzen sind das im zweiten Jahr rund 4.900 Dollar — für Updates auf einem System, das ohnehin ersetzt werden muss.
Die Frage ist nicht, ob Windows 10 im November noch startet. Es startet. Die Frage ist, wer im Schadensfall erklären muss, warum es das noch tut.
Office 2021 hat gar keine Verlängerung
Das ist der Termin, der in den meisten Projektplänen fehlt. Office 2021 und Office LTSC 2021 erreichen am 13. Oktober 2026 das Support-Ende — und anders als bei Windows 10 gibt es dafür kein ESU-Programm, das man kaufen könnte. Visio und Project LTSC 2021 hängen mit dran.
Kein Patch, keine Ausnahme, kein Aufschub gegen Geld. Am 14. Oktober ist Word das Programm, mit dem Ihre Sachbearbeitung täglich fremde Dateien aus fremden Postfächern öffnet. Ungepatcht.
Warum das ein Dokumentenproblem ist, kein PC-Problem
Die IT sieht Geräte. Ich sehe, wo die Unterlagen liegen — und das ist selten dort, wo der Geschäftsführer es vermutet.
Der Rechner, auf den der Scanner ablegt
In fast jedem Betrieb, den ich sehe, steht er irgendwo. Ein Windows-Rechner mit einer Freigabe namens SCAN, und das Multifunktionsgerät im Gang legt dort seine PDFs ab. Manchmal noch mit aktiviertem SMB1, weil die Firmware des Kyocera von 2016 kein SMB2 spricht.
Dieser Rechner hat keinen Benutzer. Also steht er auf keiner Personalliste, taucht in keiner Hardware-Planung auf — und über ihn läuft der komplette Posteingang.
Wenn Sie in den nächsten Wochen nur eine Sache anfassen: diesen einen. Scan-to-FTP direkt in die Scanner-Anbindung des DMS braucht keinen Windows-PC als Zwischenstation.
Das Laufwerk, das „immer schon" da war
Der zweite Klassiker ist der Fileserver mit Laufwerk K:, auf dem 900 Gigabyte Verträge, Personalunterlagen und Angebote liegen. Läuft seit Jahren. Niemand fasst ihn an.
Eine Dateiablage ohne Sicherheitsupdates ist genau das Einfallstor, das Verschlüsselungstrojaner suchen: viel Inhalt, gewachsene Rechte, keine Versionierung. Wie schnell das geht, steht in unserem Beitrag zu Ransomware und fehlenden Backups.
Das Laufwerk-Gefühl muss dabei nicht verloren gehen. Ein DMS lässt sich als Netzlaufwerk einbinden — nur liegen die Dateien dann nicht mehr auf einem Blech im Serverschrank.
Artikel 32 DSGVO kennt kein „läuft noch"
Art. 32 DSGVO verlangt technische Maßnahmen nach dem Stand der Technik. Ein Betriebssystem ohne Sicherheitsupdates ist nach jeder gängigen Auslegung nicht Stand der Technik. Und auf genau diesen Rechnern liegen Bewerbungen, Krankmeldungen, Gehaltslisten.
Das BSI formuliert es nüchterner, aber nicht milder: Systeme ohne Herstellerunterstützung gehören nicht in produktive Netze. Im Lagebericht zur IT-Sicherheit in Deutschland entfallen rund 80 Prozent der gemeldeten Vorfälle auf kleine und mittlere Unternehmen. Wer die NIS-2-Pflichten ohnehin auf dem Tisch hat, findet die Einordnung in unserem Beitrag zu NIS-2 und DMS.
Die Versicherung liest das Kleingedruckte
Das ist das Argument, das Geschäftsführer am schnellsten überzeugt — schneller als jede Compliance-Folie. Die GDV-Musterbedingungen für die Cyberrisiko-Versicherung enthalten als Obliegenheit, sicherheitsrelevante Updates zeitnah einzuspielen.
Bei einem Produkt, für das es keine Updates mehr gibt, ist diese Obliegenheit nicht erfüllbar. Strukturell nicht. Nach ProxyLogon 2021 haben deutsche Unternehmen genau daran ihre Deckung verloren — nicht am Angriff, am ungepatchten Server.
Windows 10 ist in Deutschland nicht weg
Wer glaubt, das Thema sei durch, sollte auf die Zahlen schauen. Im August 2026 lag der Windows-10-Anteil in Deutschland bei 25 Prozent, nach 21,5 Prozent im Juli. Der Anteil steigt — elf Monate nach dem offiziellen Support-Ende.
Statcounter zählt Seitenaufrufe, nicht Geräte, die Zahl ist also grob. Aber die Richtung ist eindeutig, und es sind zu einem guten Teil Firmenrechner, die niemand ersetzt hat.
Was in den nächsten drei Wochen zu tun ist
Sieben Punkte, in dieser Reihenfolge:
- Zählen, nicht schätzen. Wie viele Geräte laufen auf Windows 10, auf wie vielen steckt Office 2021? Ohne Liste gibt es keine Entscheidung, nur ein Gefühl.
- Die Geräte ohne Benutzer finden. Scan-Station, Zeiterfassungs-PC, der Rechner an der Maschine, das Gerät in der Poststelle. Die fehlen in jeder Inventur, die aus der Personalliste abgeleitet wurde.
- Prüfen, was davon überhaupt ein PC sein muss. Jeder Arbeitsplatz, der nur ablegt, sucht und freigibt, braucht einen aktuellen Browser — keine bestimmte Windows-Version. Aktenplatz läuft als DMS für Windows ohne Client-Rollout und ohne Terminalserver, genauso auf macOS und Linux.
- Die Dokumente vom Endgerät trennen. Solange Verträge auf lokalen Platten und in gewachsenen Freigaben liegen, ist jedes Geräte-Upgrade ein Datenumzug mit Risiko. Liegen sie im DMS, ist es ein Hardwaretausch.
- Office 2021 terminieren. Microsoft 365 Apps oder Office LTSC 2024 — oder, wenn Souveränität ein Thema ist, der Weg über Euro-Office. Die Entscheidung braucht länger als drei Wochen. Deshalb fangen Sie mit dem Termin an, nicht mit der Auswahl.
- Die Versicherung schriftlich fragen. Mit Gerätezahl und Stichtag. Die Antwort ist entweder beruhigend oder das beste Budget-Argument, das Sie dieses Jahr bekommen.
- ESU kaufen, wenn es nicht anders geht. Für den Rechner, der an einer Maschinensteuerung hängt und deren Hersteller kein Windows 11 freigegeben hat, ist das die richtige Entscheidung. Dann aber isoliert im eigenen VLAN, ohne Zugriff auf die Dateiablage.
Punkt 4 ist der einzige, der über den Oktober hinaus wirkt. Alles andere ist Termindruck.
Fazit
Windows ist kein Auslaufmodell, und niemand muss aus Prinzip die Plattform wechseln — wir betreuen überwiegend Windows-Häuser und haben nichts dagegen. Aber ein Betriebssystem ohne Updates und ein Office ohne Updates sind ab dem 14. Oktober zwei verschiedene Risiken auf demselben Gerät. Und auf diesem Gerät liegen in vielen Betrieben noch die Akten.
Der Maschinenbauer bei Bielefeld hat inzwischen gezählt: 31 Rechner auf Windows 11, 14 auf Windows 10, davon vier ohne angemeldeten Benutzer. Die vier waren die Überraschung. Eines davon war die Scan-Station, über die seit 2019 jede Eingangsrechnung läuft.
Wenn Sie wissen wollen, welche Ihrer Dokumentenwege am Endgerät hängen: Ein kurzes Gespräch genügt meist, um die zwei oder drei kritischen Stellen zu benennen. Das Upgrade planen müssen Sie trotzdem selbst.