EuroOffice und der lange Schatten von Microsoft 365 — was sich 2026 wirklich ändert
Kurz gesagt: EuroOffice steht 2026 als Sammelbegriff für eine ganze Reihe souveräner Microsoft-365-Alternativen — LibreOffice, ONLYOFFICE, Collabora, OpenDesk. Dieser Artikel ordnet ein, was sie wirklich können, wann der Wechsel sinnvoll ist und welche Rolle das DMS dabei spielt.
Als 2024 die französische Justizverwaltung ihre 250.000 Arbeitsplätze von Microsoft Office auf LibreOffice und ONLYOFFICE umstellte, war die Botschaft klar: Es geht. Auch im großen Maßstab. Auch ohne Microsoft. Auch ohne Komfortverlust.
In Deutschland war die Reaktion zunächst zögerlich — bis Anfang 2026 die BMI-Empfehlung zur digitalen Souveränität, operativ umgesetzt vom ZenDiS für Bundesbehörden konkret wurde: bei Neuausschreibungen müssen Office-Lösungen "präferiert europäisch und Open-Source-basiert" sein. Eine echte Verpflichtung ist das noch nicht — aber ein klares Signal an alle Kommunen, Verbände und KMU, die ihre Software-Beschaffung an Vorgaben des Bundes orientieren.
Was EuroOffice eigentlich ist
Der Begriff "EuroOffice" wird in mehreren Bedeutungen verwendet. Im engeren Sinn meint er die EuroOffice-Suite der ungarischen Multiracio Kft. — eine LibreOffice-Distribution mit zusätzlichen Erweiterungen für osteuropäische Märkte. Im weiteren, politischen Sinn steht "EuroOffice" für jede europäische Office-Alternative zu Microsoft 365, also vor allem:
- LibreOffice (The Document Foundation, Deutschland) — der Open-Source-Klassiker
- ONLYOFFICE (Ascensio System, Lettland/EU) — moderne Web-basierte Suite mit Echtzeit-Kollaboration
- Collabora Online (Collabora Productivity, UK/EU) — LibreOffice-basierte Cloud-Variante
- OpenDesk (ZenDiS, Deutschland) — die offizielle "Souveräne Arbeitsplatzplattform" des Bundes
Für Behörden ist OpenDesk seit 2025 das politisch favorisierte Bundle: es enthält Collabora als Office-Komponente, Element/Matrix für Chat, Nextcloud für Dateien, Univention Corporate Server als Verzeichnis. Für KMU ist OpenDesk übertrieben — hier reicht meist eine schlankere LibreOffice- oder ONLYOFFICE-Installation.
Was diese Alternativen heute können — und was nicht
Fangen wir mit dem Ehrlichen an: Wer von Microsoft 365 wechselt, verliert ein paar liebgewonnene Spezialfunktionen. PowerBI in dieser Tiefe, die Sharepoint-Permission-Granularität, manche Excel-Spezial-Tools — das gibt es so nicht. Für 90% aller Office-Aufgaben in deutschen KMU sind die Alternativen aber heute vollständig produktionsreif.
Konkret produktionsreif für 2026 ist:
- Texte schreiben (Word ↔ LibreOffice Writer / ONLYOFFICE) — auch komplexe Dokumente mit Inhaltsverzeichnis, Fußnoten, Tabellen
- Tabellenkalkulation (Excel ↔ LibreOffice Calc / ONLYOFFICE) — auch mit Pivot-Tabellen, bedingter Formatierung, gängigen Formeln
- Präsentationen (PowerPoint ↔ Impress / ONLYOFFICE) — auch animiert, mit Vorlagen
- Echtzeit-Kollaboration im Browser — bei ONLYOFFICE und Collabora identisch zu Office 365 in der Browser-Version
Weniger gut bis problematisch:
- VBA-Makros — können meist nicht 1:1 übernommen werden. Wer Tools wie eine Vertriebspipeline in Excel-VBA gebaut hat, sollte hier Migrationsaufwand einplanen oder die Funktion in einem dedizierten Tool umsetzen.
- Outlook-spezifische Features — Regeln, Quick Steps, manche Exchange-Funktionen. Alternativen: Thunderbird, Evolution, Tutanota.
- Teams — hier ist Element/Matrix die Open-Source-Antwort, aber funktional anders. Für Video sind Jitsi oder BigBlueButton üblich.
Warum das für DMS-Auswahl plötzlich wichtig wird
Hier kommt der Punkt, der oft übersehen wird: Ein Wechsel auf EuroOffice ist nur dann konsequent, wenn das Dokumentenmanagement-System nicht weiterhin in OneDrive, SharePoint oder Azure liegt. Sonst wandert das Souveränitätsproblem nur eine Ebene tiefer — die Office-Anwendung ist Open Source, aber die Dokumente liegen weiter in US-Clouds.
Deshalb stehen DMS-Anbieter mit echter Souveränität gerade besonders im Fokus von Ausschreibungen. Bei Aktenplatz — Pakete und Preise im Überblick ist das Standard: Hosting ausschließlich in deutschen Rechenzentren bei deutschen Anbietern, keine US-Subprozessoren, native Anbindung an LibreOffice und ONLYOFFICE. Wer von Microsoft 365 weg will und seine Dokumente parallel souverän speichern möchte, kann Aktenplatz als zentrales DMS einsetzen, während Office-Aufgaben in der gewünschten EuroOffice-Variante laufen.
Realistischer Migrationspfad für KMU
In der Praxis raten wir nicht zur Hau-Ruck-Migration. Sinnvoll ist ein gestufter Übergang:
- DMS souverän machen. Bevor irgendwer LibreOffice installiert: das DMS aus US-Clouds rausziehen. Bei einem Mittelständler mit 30 Mitarbeitern ist das in 4-8 Wochen erledigt.
- Pilot-Abteilung auf EuroOffice umstellen. Marketing, HR oder eine andere Abteilung mit überschaubaren Excel-Anforderungen ist ein guter Start. 3 Monate Pilotbetrieb decken die meisten Stolpersteine auf.
- VBA und Spezialfunktionen identifizieren. Welche Abteilung nutzt was, das mit LibreOffice nicht geht? Hier braucht es Lösungen — entweder Web-Apps, eine ONLYOFFICE-Lizenz mit besserer VBA-Kompatibilität, oder ein Spezialtool.
- Roll-out auf den Rest. Nach erfolgreichem Pilot Schritt für Schritt auf weitere Abteilungen ausweiten. Eine Migration in einem Schwung scheitert fast immer.
Wichtig: rechnen Sie mit 12-18 Monaten für einen vollständigen Wechsel. Wer das in 3 Monaten erzwingt, verbrennt mehr Geld als er spart.
Was es kostet — und was es spart
Eine 30-Personen-Firma zahlt für Microsoft 365 Business Standard rund 12.000 € pro Jahr. EuroOffice (LibreOffice) ist kostenlos in der Anschaffung; ONLYOFFICE Enterprise kostet etwa 1.500 € pro Jahr für 30 User. Selbst mit professionellem Support eines deutschen Open-Source-Hauses (üblich: 5.000-15.000 € pro Jahr) liegt man deutlich unter Microsoft.
Der eigentliche Spar-Hebel ist aber nicht die Lizenz, sondern die Unabhängigkeit: Sie bestimmen, wann Sie Updates ziehen, wann ein Feature wegfällt, ob Ihr Datenstandort wechselt. Wer einmal erlebt hat, wie Microsoft eine genutzte Funktion abschaltet oder einen Tarif verteuert ("Copilot-Pflicht in Office 365"), weiß was Unabhängigkeit wert ist.
Wo Sie anfangen können
Wenn Sie überlegen, Ihre Office-Landschaft souverän zu machen, sind das die typischen ersten Schritte:
- DMS prüfen. Liegen Ihre Dokumente schon souverän, oder wandern sie aktuell durch OneDrive, SharePoint oder Google Drive? Wenn nicht souverän, dann ist das der erste Hebel — Aktenplatz Hosting-Optionen ansehen.
- OpenDesk-Demo ausprobieren. Der Bund stellt eine Demo-Umgebung bereit. Für Verwaltungen verpflichtend, für KMU mindestens lehrreich.
- Migrationspartner suchen. Es gibt mittlerweile spezialisierte Beratungen für den Microsoft-Exit. Wir sind eine davon und können Sie in einem Erstgespräch zumindest ehrlich einschätzen, was bei Ihnen geht und was nicht.
Die Frage ist nicht mehr ob deutsche Unternehmen souveräner werden — sondern wann und wie geordnet. 2026 ist ein gutes Jahr, um anzufangen.