Digitalisierung

EuroOffice und der lange Schatten von Microsoft 365 — was sich 2026 wirklich ändert

Die EU drängt Behörden und Mittelstand zu europäischen Office-Alternativen. Was EuroOffice, ONLYOFFICE und Collabora wirklich können — und wo der Stand zwischen Anspruch und Praxis liegt.

Sascha Ladewig
Geschäftsführer & Gründer
30. Mai 2026
5 Min. Lesezeit
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EuroOffice und der lange Schatten von Microsoft 365 — was sich 2026 wirklich ändert

Als 2024 die französische Justizverwaltung ihre 250.000 Arbeitsplätze von Microsoft Office auf LibreOffice und ONLYOFFICE umstellte, war die Botschaft klar: Es geht. Auch im großen Maßstab. Auch ohne Microsoft. Auch ohne Komfortverlust.

In Deutschland war die Reaktion zunächst zögerlich — bis Anfang 2026 die BMI-Empfehlung zur digitalen Souveränität für Bundesbehörden konkret wurde: bei Neuausschreibungen müssen Office-Lösungen "präferiert europäisch und Open-Source-basiert" sein. Eine echte Verpflichtung ist das noch nicht — aber ein klares Signal an alle Kommunen, Verbände und KMU, die ihre Software-Beschaffung an Vorgaben des Bundes orientieren.

Was EuroOffice eigentlich ist

Der Begriff "EuroOffice" wird in mehreren Bedeutungen verwendet. Im engeren Sinn meint er die EuroOffice-Suite der ungarischen Multiracio Kft. — eine LibreOffice-Distribution mit zusätzlichen Erweiterungen für osteuropäische Märkte. Im weiteren, politischen Sinn steht "EuroOffice" für jede europäische Office-Alternative zu Microsoft 365, also vor allem:

  • LibreOffice (The Document Foundation, Deutschland) — der Open-Source-Klassiker
  • ONLYOFFICE (Ascensio System, Lettland/EU) — moderne Web-basierte Suite mit Echtzeit-Kollaboration
  • Collabora Online (Collabora Productivity, UK/EU) — LibreOffice-basierte Cloud-Variante
  • OpenDesk (ZenDiS, Deutschland) — die offizielle "Souveräne Arbeitsplatzplattform" des Bundes

Für Behörden ist OpenDesk seit 2025 das politisch favorisierte Bundle: es enthält Collabora als Office-Komponente, Element/Matrix für Chat, Nextcloud für Dateien, Univention Corporate Server als Verzeichnis. Für KMU ist OpenDesk übertrieben — hier reicht meist eine schlankere LibreOffice- oder ONLYOFFICE-Installation.

Was diese Alternativen heute können — und was nicht

Fangen wir mit dem Ehrlichen an: Wer von Microsoft 365 wechselt, verliert ein paar liebgewonnene Spezialfunktionen. PowerBI in dieser Tiefe, die Sharepoint-Permission-Granularität, manche Excel-Spezial-Tools — das gibt es so nicht. Für 90% aller Office-Aufgaben in deutschen KMU sind die Alternativen aber heute vollständig produktionsreif.

Konkret produktionsreif für 2026 ist:

  • Texte schreiben (Word ↔ LibreOffice Writer / ONLYOFFICE) — auch komplexe Dokumente mit Inhaltsverzeichnis, Fußnoten, Tabellen
  • Tabellenkalkulation (Excel ↔ LibreOffice Calc / ONLYOFFICE) — auch mit Pivot-Tabellen, bedingter Formatierung, gängigen Formeln
  • Präsentationen (PowerPoint ↔ Impress / ONLYOFFICE) — auch animiert, mit Vorlagen
  • Echtzeit-Kollaboration im Browser — bei ONLYOFFICE und Collabora identisch zu Office 365 in der Browser-Version

Weniger gut bis problematisch:

  • VBA-Makros — können meist nicht 1:1 übernommen werden. Wer Tools wie eine Vertriebspipeline in Excel-VBA gebaut hat, sollte hier Migrationsaufwand einplanen oder die Funktion in einem dedizierten Tool umsetzen.
  • Outlook-spezifische Features — Regeln, Quick Steps, manche Exchange-Funktionen. Alternativen: Thunderbird, Evolution, Tutanota.
  • Teams — hier ist Element/Matrix die Open-Source-Antwort, aber funktional anders. Für Video sind Jitsi oder BigBlueButton üblich.

Warum das für DMS-Auswahl plötzlich wichtig wird

Hier kommt der Punkt, der oft übersehen wird: Ein Wechsel auf EuroOffice ist nur dann konsequent, wenn das Dokumentenmanagement-System nicht weiterhin in OneDrive, SharePoint oder Azure liegt. Sonst wandert das Souveränitätsproblem nur eine Ebene tiefer — die Office-Anwendung ist Open Source, aber die Dokumente liegen weiter in US-Clouds.

Deshalb stehen DMS-Anbieter mit echter Souveränität gerade besonders im Fokus von Ausschreibungen. Bei Aktenplatz ist das Standard: Hosting ausschließlich in deutschen Rechenzentren bei deutschen Anbietern, keine US-Subprozessoren, native Anbindung an LibreOffice und ONLYOFFICE. Wer von Microsoft 365 weg will und seine Dokumente parallel souverän speichern möchte, kann Aktenplatz als zentrales DMS einsetzen, während Office-Aufgaben in der gewünschten EuroOffice-Variante laufen.

Realistischer Migrationspfad für KMU

In der Praxis raten wir nicht zur Hau-Ruck-Migration. Sinnvoll ist ein gestufter Übergang:

  1. DMS souverän machen. Bevor irgendwer LibreOffice installiert: das DMS aus US-Clouds rausziehen. Bei einem Mittelständler mit 30 Mitarbeitern ist das in 4-8 Wochen erledigt.
  2. Pilot-Abteilung auf EuroOffice umstellen. Marketing, HR oder eine andere Abteilung mit überschaubaren Excel-Anforderungen ist ein guter Start. 3 Monate Pilotbetrieb decken die meisten Stolpersteine auf.
  3. VBA und Spezialfunktionen identifizieren. Welche Abteilung nutzt was, das mit LibreOffice nicht geht? Hier braucht es Lösungen — entweder Web-Apps, eine ONLYOFFICE-Lizenz mit besserer VBA-Kompatibilität, oder ein Spezialtool.
  4. Roll-out auf den Rest. Nach erfolgreichem Pilot Schritt für Schritt auf weitere Abteilungen ausweiten. Eine Migration in einem Schwung scheitert fast immer.

Wichtig: rechnen Sie mit 12-18 Monaten für einen vollständigen Wechsel. Wer das in 3 Monaten erzwingt, verbrennt mehr Geld als er spart.

Was es kostet — und was es spart

Eine 30-Personen-Firma zahlt für Microsoft 365 Business Standard rund 12.000 € pro Jahr. EuroOffice (LibreOffice) ist kostenlos in der Anschaffung; ONLYOFFICE Enterprise kostet etwa 1.500 € pro Jahr für 30 User. Selbst mit professionellem Support eines deutschen Open-Source-Hauses (üblich: 5.000-15.000 € pro Jahr) liegt man deutlich unter Microsoft.

Der eigentliche Spar-Hebel ist aber nicht die Lizenz, sondern die Unabhängigkeit: Sie bestimmen, wann Sie Updates ziehen, wann ein Feature wegfällt, ob Ihr Datenstandort wechselt. Wer einmal erlebt hat, wie Microsoft eine genutzte Funktion abschaltet oder einen Tarif verteuert ("Copilot-Pflicht in Office 365"), weiß was Unabhängigkeit wert ist.

Wo Sie anfangen können

Wenn Sie überlegen, Ihre Office-Landschaft souverän zu machen, sind das die typischen ersten Schritte:

  • DMS prüfen. Liegen Ihre Dokumente schon souverän, oder wandern sie aktuell durch OneDrive, SharePoint oder Google Drive? Wenn nicht souverän, dann ist das der erste Hebel — Aktenplatz Hosting-Optionen ansehen.
  • OpenDesk-Demo ausprobieren. Der Bund stellt eine Demo-Umgebung bereit. Für Verwaltungen verpflichtend, für KMU mindestens lehrreich.
  • Migrationspartner suchen. Es gibt mittlerweile spezialisierte Beratungen für den Microsoft-Exit. Wir sind eine davon und können Sie in einem Erstgespräch zumindest ehrlich einschätzen, was bei Ihnen geht und was nicht.

Die Frage ist nicht mehr ob deutsche Unternehmen souveräner werden — sondern wann und wie geordnet. 2026 ist ein gutes Jahr, um anzufangen.

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